Schwule und Geld

von Andreas Meyer-Hanno

Über Möglichkeiten und Grenzen homosexueller Selbsthilfe

In meiner Jugend galten Homosexuelle ganz allgemein als "Loser": Bindungsunfähig, suizidgefährdet, vor allem als eminent lebensuntüchtig. Selbst bei den gewöhnlichen Heterosexuellen, welche die Inversion ihrer schwulen Bekannten/Freunde zu akzeptieren bereit waren, schwang ein Unterton von Bedauern mit für die Toren, die auf Erden hofften, "zu genügen einem solchen Triebe" (Platen).

Ich selbst litt unter dieser allgemeinen Einschätzung, die dann in der ersten, aufklärerisch gemeinten, Fernsehsendung über Schwule um 1963, ihre öffentlich-rechtliche Bestätigung fand: In Peter von Zahns Homo-Sendung in der Reihe "Reporter der Windrose" stand eine wahre Prachtkollektion von kaputten "Versagern" vor der Kamera, und die eingeschlagene Mitleids-Route mündete in des Moderators Schlußwort, das den Tenor hatte: "Warum soll man die Homosexuellen eigentlich noch bestrafen? Sie sind ja mit sich selbst gestraft genug".

Alle Versuche der 50er und 60er Jahre, sich gegen diese Negativ-Einschätzung von Schwulen zu wehren und zunächst einmal den ominösen Paragraphen zu kippen, bewegten sich imgrunde auf dieser Mitleids-Schiene, und erst die beginnende Studentenbewegung von 1968 setzte die Möglichkeit frei, ein verändertes schwules Selbstverständnis zu schaffen. Wie ein Sturmwind fuhr Danneckers und Reiches großangelegte empirische Untersuchung von 1974 "Der gewöhnliche Homosexuelle" ins allgemeine Bewußtsein, indem sie bewies: Schwule sind, entgegen der landläufigen Annahme, tüchtig, ja erfolgsgsgeil bis zum Gehtnichtmehr, weil ein Stück wirtschaftlicher Unabhängigkeit für sie auch immer ein Stück Freiheit in einer Gesellschaft bedeutete, die ihnen die menschlichen Grundrechte verweigerte. Einmal als ideale Konsumenten enttarnt, zögerte die Industrie nicht lange, Schwule als Zielgruppe ins Visier zu nehmen und ihre Werbung auf den neuen Käuferkreis auszurichten.

Alle frühen Initiativen der zweiten deutschen Schwulenbewegung basierten noch auf freiwilliger pekuniärer Opferbereitschaft, da öffentliche Zuwendungen noch jenseits des Vorstellbaren lagen. Es wurde nicht viel Wind gemacht: Die Dinge (Gründung von Schwulengruppen und Bera-tungszentren, große Meetings wie "Homolulu", Frankfurt/M. 1979) entstanden wie selbstverständlich "aus eigener Kraft", die oft an die Grenze von Selbstausbeutung führte. Aber sie kamen zustande.

Dieses "aus eigener Kraft" prägte die gesamte frühe Bewegungs-Phase, und man tut gut daran, sich das in Anbetracht leerer werdender öffentlicher Kassen wieder ins Bewußtsein zu rufen. Denn nicht zuletzt seit der sozialliberalen Koalition haben Schwule als Teil der von ihr geförderten "neuen sozialen Bewegungen" am allgemeinen Goldregen partizipiert. Immer noch existiert das dichte und in oftmals harten Kämpfen errungene Netz von Finanzierungsmöglichkeiten schwuler Projekte durch die öffentliche Hand und wird, manchmal mit allzugroßer Selbstverständlichkeit, genutzt. Aber: Wie lange noch?

1979 entstand der erste Hetero-"Netzwerk Selbsthilfe"-Spendenfonds, dessen Symbol - eine Wildsau in Gestalt eines Sparschweins - durch die Gegend wetzte. Der Fonds diente dazu, selbstverwalteten Betrieben Anschubhilfe zu gewähren, und in seinen Anfangsjahren hat er Entscheidendes an Möglichkeiten zur Umstrukturierung von Arbeitswelt aufgezeigt und ermöglicht.

Seine schwule Kopie war die "Homosexuelle Selbsthilfe e.V.", die ein Jahr später entstand. Beide Initiativen waren in ihrem Selbstverständnis so "links" wie alternativ, und die Schwierigkeiten der Linken, mit Geld umzugehen, zeigten sich alsbald: Leidenschaftliche Diskussionen um Vergabekriterien hier wie dort, fürchterliche und an die Substanz gehende Fehler wie z. B. der als "basisdemokratisch" mißverstandene Grundsatz, jedes Geld fordernde Projekt müsse sich und seine Bedürfnisse selbst darstellen, was nur zu persönlichen Querelen führte. Schließlich, nachdem Grundsätzliches Mitte der 80er geklärt und verbrieft war, schwindendes Interesse und sinkende Mitgliederzahlen.

Es ging bei beim Netzwerk nun auch nicht mehr um Peanuts, sondern um Hunderttausende, beispielsweise die finanzielle Basis zur Gründung einer Papier-Recycling-Fabrik, und für dergleichen Bedarf gab's ja nun die auf dem alternativ-linken Boden gewachsene Ökobank.

Die "Homosexuelle Selbsthilfe" (HS) fiel Ende der 80er in eine tiefe Krise, als sich mehr und mehr herausstellte, wie dünn gesät inzwischen die Spendenbereitschaft geworden war. Von Anbeginn hatte die Frage nach Beantragung von Gemeinnützigkeit bei der HS im Raume gestanden, und immer war sie negativ beantwortet worden, weil die Absetzbarkeit von Spenden eine Reihe wichtiger Aufgaben (Rechtskostenhilfe, Unterstützung bei Asylprozessen) verunmöglicht hätte. So war die Notwendigkeit, für die HS ein zweites, gemeinnütziges Standbein zu schaffen, uns allen jahrelang klar, bis es dann 1991 durch die Gründung der "HANNCHEN-MEHRZWECK-Stiftung für homosexuelle Selbsthilfe" (HMS) tatsächlich entstand.

Den Anstoß für die Installierung der Stiftung gab ein mir zugetragenes Gespräch von Herbert Rusche mit einem alten, seit Jahrzehnten zusammenlebenden Freundespaar aus der Umgebung Frankfurts, das vermögend war, aber nicht wollte, daß die seine Lebens- und Liebesbedürfnisse ablehnende Familie mal alles erbt. "Ja, und nun haben wir alles dem Tierschutzverein vermacht."

Eine Alternative zum Tierschutzverein (nichts gegen Tiere!) zu schaffen, darum ging's, ein Auffangbecken für Erbmasse, Anlagen, nicht benötigte Lebensversicherungen etc., deren Ertrag Projekten zukommt, die sich anderweitig nicht finanzieren lassen.

In sechs Jahren Stiftungsarbeit haben wir Einblicke in das Verhältnis von Schwulen zu Geld bekommen, die vieles von dem widerlegen, was wir angenommen hatten. Nicht erfüllt hat sich die Hoffnung auf eine allgemeine Solidarität: Obwohl die HS inzwischen auf das fast Sechsfache angewachsen ist, hält sich bei HANNCHEN MEHRZWECK der Spenden- und Zustiftungsfluß durchaus in Grenzen. Und es sind in der Regel persön-liche Kontakte, die ihn auslösen, selten Einsicht in die Notwendigkeit einer solchen Solidargemeinschaft.

Dabei sind Schwule keineswegs geizig. Sie gehen anders mit Geld um als ihre hetenmäßigen Mitbrüder, die Besitz erwerben, auf daß ihre Existenz abgesichert sei und ihre Kinder "es mal leichter haben". Der in der Regel sich nicht fortpflanzende gewöhnliche Homosexuelle gibt sein Geld aus für das, was ihm Spaß macht, nicht um Güter zu akkumulieren. Wer, verdammt, soll's denn mal erben, also raus damit!

Grundsätzliches: Schwule sind immer dann bereit Geld für soziale Zwecke auszugeben, wenn zwei Bedingungen erfüllt sind: Das Ergebnis muß deutlich sichtbar sein, und es dürfen keine Folgekosten entstehen.

So ist das "Mahnmal Homosexuellenverfolgung" in Frankfurt weitgehend aus Spenden erbaut worden. Nachdem die Stadt, trotz bekundeten Willens, es zu errichten, sich nicht in der Lage sah, den Bau zu finanzieren, kamen durch eine großangelegte Spendenaktion binnen drei Monaten Hunderttausende zusammen, die, mit den Mitteln der Hessischen Kulturstiftung, den Bau des Mahnmals ermöglichten. Herbert Gschwind, einer der Initiatoren, hatte auf dem künftigen Mahnmal-Platz während einer CSD-Kundgebung gesagt: "Wenn das Mahnmal entsteht, ist das ein Zeichen unserer Stärke. Kommt es nicht zustande, beweist es unser Unvermögen." Der "Frankfurter Engel" und sein Platz kamen zustande. Aus eigener Kraft.

Was die Arbeit einer Selbsthilfe-Organisation so schwierig macht: Die Vermittlung dessen, was geleistet wird. Wen interessiert es, wenn HS/HMS einer Rosa-Hilfe-Gruppe ein Faxgerät finanziert, für die Initiatoren eines schwulen Rundfunkprogramms den dringend benötigten digitalen Schnittplatz anschafft, das Defizit einer schwul-lesbischen Filmwoche ausgleicht? Oder die Werkausgabe eines der schwulen Klassiker mitfinanziert? Doch nur die unmittelbar am Projekt Beteiligten. Den monatlichen Zehner, den die HS-Mitgliedschaft kostet, hat eigentlich jeder; er entspricht dem Gegenwert einer Kinokarte oder einer mäßig belegten Pizza. Aber das Selbstverständliche, nämlich etwas für die eigene Brut zu tun, ist bei Schwulens eben nicht selbstverständlich. Und alles, was auf Kontinuität hinausläuft und, weil sich Spektakuläres kaum ereignet, eher im Stillen wirkt, hat es schwer.

Dazu kommt das Generationsproblem: Ältere Schwule, aufgewachsen und wohlhabend geworden in der bleiernen Zeit, haben in der Regel den Durchlauferhitzer der Schwulenbewegung nicht passiert. Ein alter Freund, sehr betucht, weiß nicht, was er mit seinem Vermögen anstellen soll. So spendet er Tausende für "Aktion Sorgenkind" und "SOS Kinderdorf" (nichts gegen Kinder!), lehnt es aber strikte ab, auch nur einen Pfennig für schwulsoziale Belange auszugeben. Ob dieses Phänomens befragt, deutete der weise Martin Dannecker es so: "Er hat sich selbst als Schwuler nie akzeptiert. Und indem er das tut, was alle tun, will er sich ihnen gleich machen. Folglich lehnt er jedes Ansinnen ab, etwas für jene zu tun, die er eigentlich haßt."

Ach ja, die betuchten Homophilen! Offenbar steht deren gefüllter Geldbeutel in umgekehrt proportionalem Verhältnis zu ihrer pekuniären Opferbereitschaft. Kamel und Nadelöhr. Wenn uns die Erfahrung lehrt, daß wir eher einen Hausbesetzer in die HS bekommen als einen Hausbesitzer, so ist das mehr als ein Wortspiel. Es gibt, im Gegensatz zu den USA, bei uns keine Tradition schwulen Spendens. Eine solche Spendenkultur zu entwickeln ist eine der vordringlichsten Aufgaben. Es geht nicht darum, die öffentliche Hand aus ihrer Verpflichtung uns gegenüber zu entlassen, aber nichts wird künftig mehr gehen ohne persönliches finanzielles Engagement derer, die es sich leisten können.

Geld bedeutet immer ein Stück Macht. Und wenn wir vor zwanzig Jahren gesagt haben "Keine macht für niemand!", so müssen wir heute sagen: "Ohne Geld scheitern unsere Ideen an der eigenen Ohnmacht!"